Stürmischer Applaus für Herzogenbergs Oratorium

"Geburt Christi" in der Herborner Stadtkirche

H e r b o r n (pli/s). Stürmisch feierten die Besucher in Herborns voll besetzter Stadtkirche die Musik eines Komponisten, der heute zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten ist. Beim traditionellen Weihnachtskonzert führte die Kantorei, unterstützt von einem Kammerorchester und Solisten, das Weihnachtsoratorium „Geburt Christi" von Heinrich von Herzogenberg auf, das 1894 mit großem Erfolg in der Leipziger Thomaskirche seine Premiere erlebt hatte.

Der Freund von Johannes Brahms hat mit weiser Voraussicht selbst zur Popularität seines Werks beigetragen, indem er die volkstümlichen Melodien „Nun singet und seid froh", „Josef, lieber Josef mein" und „Kommet, ihr Hirten" integrierte und die Gemeinde mit in das musikalische Geschehen einbezog. Laut seiner Partitur beschließen nämlich die Gläubigen jeden der drei Teile der Komposition mit einem Choral.

Regina Zimmermann-Emde, in deren Händen die Leitung der beeindruckenden Aufführung lag, hatte nicht nur Kantorei und Kinderkantorei als Mitwirkende gewonnen, sondern konnte auch auf hervorragende Musiker - unter ihnen als Konzertmeisterin Gesine Kalbhenn-Rzepka, ihren Bruder Simon als Cellist und Markus Strümpe als Organist sowie die Gesangssolisten Mona Debus (Sopran), Angela Schweitzer (Alt), Andreas Schwab (Tenor) und Andreas Balzer (Bass) - vertrauen.

Das Werk besteht aus drei prägnanten großen Teilen: Die Verheißung erinnert an den Advent, in dem Moses und Jesaja die Ankunft des Messias ankündigen, die Erfüllung erzählt die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium, und die Anbetung berichtet von der Huldigung der Hirten für das Jesuskind. Die Texte für das Oratorium, die eine gelungene Verbindung von biblischen Worten und geistlichen Lieder sind, stellte der evangelische Theologe und Musikforscher Friedrich Spitta zusammen.  Die Texte und die Musik dieser Teile wurden den gebannt lauschenden Zuhörern auf virtuose Weise vermittelt. Die Stimmen der Sänger und Sängerinnen der Kantorei verwoben zu einer fast himmlischen Harmonie. Mona Debus bezauberte mit ihrer klaren Stimme, die auch Höhen mit Leichtigkeit meistert; die Altstimme von Angela Schweitzer vermittelte Wärme und fast Zärtlichkeit; Andreas Schwab meisterte seine zahlreichen Solopartien mit Bravour, und Andreas Balzer überzeugte mit seinem ausdrucksvollen Bass.
Besonders eindrucksvoll klang es, wenn sich die Solisten und Solistinnen in Duetten, Terzetten oder Quartetten gesanglich verbanden. So ließen sich die Zuhörer mitnehmen auf eine Reise in die Weihnachtgeschichte, so wie sie uns überliefert wurde. Sie erfuhren von der Verheißung, dass ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen werde.
Die Erfüllung dieser Prophezeiung rückt durch den Besuch des Erzengels Gabriel bei der Jungfrau Maria in greifbare Nähe, denn sie soll den verheißenen Erlöser gebären. Sie wandert mit ihrem Mann Josef nach Bethlehem, da Kaiser Augustus eine Volkszählung angeordnet hat, und bringt dort in einem Stall das Jesuskind zur Welt.

Wunderschön ist die Szene der Hirtenanbetung. Gleich zu Beginn betört eine schmeichelnde Oboenmelodie das Publikum, die auch immer wieder zwischen den Rezitativen und dem Chorgesang bezaubert. Und als zum Schluss der Choral „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen ein´gen Sohn, des freuet sich der Engel Schar, und singen uns solch´ neues Jahr" das Konzert beendete, saßen die Zuhörer erst still und ergriffen in ihren Bänken. Dann brach ein stürmischer Beifall los, und mit stehenden Ovationen wurden die Mitwirkenden und besonders Regina Zimmermann-Emde gefeiert. In Herborn ist jedenfalls Heinrich von Herzogenberg seit Sonntagabend für viele ein Begriff geworden.


Herborner Tageblatt, 27.12.2001

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