Wenn die Puppe schlafen soll

Herborn. Zu einem Musikerlebnis, das Groß und Klein begeisterte, lud am vergangenen Sonntag die evangelische Kirchengemeinde Herborn ein. Ort, Zeit und Programm waren hervorragend gewählt, denn trotz Schneetreibens kamen so viele Kinder, Eltern, Großeltern sowie Musikliebhaber, dass zusätzliche Stühle in der Schlosskapelle aufgestellt werden mussten, um allen Gästen Platz zu bieten.

Günter Emde führte einfühlsam und mit reichem Sprachschatz durch das Programm, das manchen musikalischen Leckerbissen enthielt.
Den musikalischen Hauptteil übernahm in gewohnt souveräner Weise Regina Zimmermann-Emde am Flügel. Sie eröffnete das Konzert mit den bekannten Kinderszenen von Robert Schumann. Im Verlauf des Abends brillierte sie auch mit Stücken von Claude Debussy aus "Children´s Corner". Welche Klänge dem Flügel dabei zu entlocken waren, entwickelte die Pianistin nach und nach. So konnte sie das Flimmern vieler winziger Schneeflöckchen ebenso hörbar machen wie den wilden Tanz einer schwarzen Puppe, die sich über die affektierte Art der Weißen lustig macht. Eine verstimmte Spieluhr und ein diatonischer Walzer waren nur zwei der Stücke des italienischen Komponisten Alfredo Casella, die dem Flügel völlig unerwartete neuartige Klänge entzauberten.
Zu Unrecht wenig gespielt sind die Kinderszenen des Ungarn Jenö Hubay. Derek Harvey von der Südwestfälischen Philharmonie verwob, begleitet vom Flügel, sein Geigenspiel innig mit den verschiedenen Szenen. So heiter und unbeschwert die "Schmetterlingsjagd" erklang, so unheimlich und beklemmend wurde das Stück "Im Walde verirrt" interpretiert.  Seinen sprichwörtlich englischen Humor zeigte der Brite Derek Harvey, als er Hubays "Soldat will ich werden" mit einem militärischen Gruß beendete. Welche Wirkung sein Spiel auf die Zuhörer hatte wurde deutlich, als nach der letzten der zehn Szenen mit dem Titel "Eingeschlafen" (...) ein Kind tatsächlich den Schlaf gefunden hatte.

Kindern wie Erwachsenen wird Sopranistin Mona Debus in Erinnerung bleiben, die die technisch äußerst schwierigen Lieder aus Modest Mussorgskys "Kinderstube" singend und szenisch darstellte. Alle Kinder waren wie gebannt, als die Puppe Tjapa ins Puppenbettchen gebracht wurde und die Dramatik eines Erlebnisses mit einem Käfer vorgetragen wurde. Ganz frei, jedes Wort überaus deutlich artikulierend und mit lebhafter Gestik und Mimik sang Debus scheinbar spielend leicht über die Alltagserlebnisse der Kinder mit ihrem russischen Kindermädchen Njanjuschka und dem Kater Prinz.
Die kirchenmusikalische Arbeit der evangelischen Kirchengemeinde hat an diesem Abend wieder einmal bewiesen, auf welch hohem künstlerischen Niveau sie arbeitet. Dieses Konzert kostenfrei anzubieten, ist für Herborns Bürger ein besonderer Vorzug.


Herborner Echo, 11.3.2006

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